Interview mit Dipl.-Psychologe Klaus Oelbracht
![]() Dipl.-Psychologe Oelbracht |
Welche Arten von Computersucht gibt es?
Pathologischer Internet- und Computergebrauch kann sich auf verschiedene Bereiche der Computer und Internetnutzung beziehen. Besonders schwierig scheint hierbei für die Betroffenen die angemessene Nutzung von Chatrooms, Onlinespielen, Musikbörsen und Erotikangeboten zu sein. Hierbei weitet sich dann die Nutzung zu einem stark exzessiven, selbstschädigenden Problemverhalten aus.
Wann spricht man von Computersucht?
Von Computersucht zu sprechen, ist aus meiner Sicht recht schwierig. Den oben angeführten Begriff des Pathologischen Internet- oder Computergebrauchs finde ich passender. Sind folgende Kriterien erfüllt, so kann man von einem pathologischen Internetgebrauch sprechen.
- Einengung des Verhaltensraums
Der Betroffene verausgabt über eine längere Zeitspanne den größten Teil des Tageszeitbudgets zur Internetnutzung und denkt dauerhaft an den nächsten oder zurückliegenden Internetgebrauch. - Kontrollverlust
Die Person hat ein ausgeprägtes Verlangen, das Internet zu nutzen und eine verminderte Kontrolle über die Dauer seiner Internetaktivität. Trotz des bestehenden Wunsches, nicht online zu sein, kann sie den Internetkonsum nicht reduzieren. - Toleranzentwicklung
Im Laufe der Zeit ist eine immer ausgeprägtere Nutzung des Internets bis zum selben Effekt der Befriedigung notwendig. - Entzugserscheinungen
Ist es für die Person nicht möglich, im Internet zu surfen, so treten unterschiedliche unangenehme emotionale und körperliche Zustände (z.B. Ruhelosigkeit, Reizbarkeit, Nervosität, Niedergeschlagenheit) auf. - Negative soziale und personelle Konsequenzen
Verschiedenste andere Aufgaben und Interessen können vernachlässigt werden. Trotz bewusst wahrgenommener erheblicher, eindeutig schädlicher Folgen wie Fehlzeiten bzw. Schul- und Ausbildungsabbrüche, Gefährdung der Karriere, Verlust des Partners oder finanzielle Probleme, wird der Gebrauch des Internets fortgeführt.
Was sind, Ihrer Meinung nach, die Symptome an denen man einen Süchtigen erkennen kann?
Die Symptome gehen aus den o.g. Kriterien hervor, sichtbar sind für die Angehörigen häufig die vielfältigen negativen sozialen und personellen Konsequenzen des pathologischen Computerkonsums.
Wie viel Stunden Computernutzung am Tag sind als "normal" einzustufen?
Es ist nicht möglich, diesbezüglich eine Zeit festzulegen, kommt es doch vielmehr auf die hieraus resultierende Konsequenz an, z.B. dass man persönlich unter der ständigen Computernutzung leidet, weil man z.B. es wieder nicht geschafft hat, wichtige Dinge zu erledigen, Freundschaften zu pflegen, depressiver Stimmung ist, etc. In den Studien zum Pathologischen Internetgebrauch zeigten die Probanden mit Pathologischen Internetgebrauch (d.h. es lagen bei den Probanden ähnliche Kriterien wie die o.g. vor) eine durchschnittliche Nutzung von ca, 30 Stunden pro Woche, die Vergleichsgruppe nutzte das Internet lediglich 19 Stunden. Häufig gibt es aber Betroffene, die weit über 60 Stunden pro Woche im Netz sind.
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Hier könnte man schwerlich vom Pathologischen Computergebrauch sprechen, da es sich dann ja um ein notwendiges Arbeitsmittel handelt. Eher könnte es problematisch werden, wenn der User am Arbeitsplatz nicht die Kontrolle darüber hätte, private Seiten zu besuchen und darüber seine Arbeit stark vernachlässigen würde.
Sind diese Checklisten, die im Internet verbreitet werden, bei denen man testen kann, ob seine Kinder süchtig sind oder nicht, wirklich sinnvoll?
Ich denke, dass es für Eltern hilfreich ist, Informationen über mögliche Probleme ihrer Kinder zu bekommen, so könnten diese Checklisten auch betrachtet werden, hilfreich ist es in dem Fall, wenn es zum Gesprächsanlass zwischen Eltern und Kindern genutzt werden kann, Eltern und Kinder die Möglichkeit haben, ihre Position darzustellen. Die Checklisten eignen sich aber sicherlich nicht dafür, „Diagnosen“ festzulegen, dann besteht die Gefahr, dass die Kinder und Jugendlichen sich eher aus der Kommunikation zurückziehen. Das Medium Computer ist sicher aber auch ein Streitpunkt zwischen den Generationen, so wie es auch der Fernseher, Walkman usw. war.
Gibt es Kinder oder Jugendliche, die besonders gefährdet sind?
Es scheint Risikofaktoren zu geben, die einen pathologischen Internetgebrauch wahrscheinlicher machen: z.B. eine erhöhte Impulsivität, depressives Erleben, ein geringes Selbstwertgefühl, soziale Ängste, soziale Konflikte und Einsamkeit.
Wie lässt sich dies begründen?
Dazu ist eine individuelle Betrachtung der Problematik des Einzelnen notwendig, inwieweit die pathologische Internetnutzung Ausgangspunkt, aufrechterhaltende Bedingung oder vielleicht sogar ein Lösungsversuch für die sich darstellende Problematik ist. Es ist gut vorstellbar, dass das Spielen von Onlinerollenspielen anfangs selbstwertstabilisierend eingesetzt wurde und evtl. ein positives Selbstbild aufrecht erhalten hat.
![]() World of Warcraft, ein MMORPG |
Betrachtet man die Massively Multiplayer Online Role-Playing Games (MMORPG), dann spielen diese hauptsächlich männliche Jugendliche und Männer zwischen 15. und 30 Lebensjahr (85%). Jeder 5. Spieler bezeichnet sich davon selbst als „süchtig“, jeder 20. Spieler erfüllt die Kriterien des Pathologischen Internetgebrauchs. In diesem Bereich kann angenommen werden, dass es auch mehr Männer als Frauen betrifft, die die Kriterien des Pathologischen Internetgebrauchs erfüllen, ohne dass ich genaue Zahlen benennen kann.
Wie lässt sich dies begründen?
Es ist anzunehmen, dass es wiederum von vielen Faktoren abhängt, weshalb Männer mehr von den Computerspielen angesprochen werden als Frauen.
Kommt die Computersucht nur bei Jugendlichen vor oder betrifft das alle Altersgruppen?
Wie gesagt, bei den MMORPGs liegt das Alter der Spielenden zwischen dem 15. und 30. Lebensjahr, Frauen sind durchschnittlich älter. Es scheint so zu sein, dass es vor allem das Jugendlichen und junge Erwachsenenalter betrifft.
Ist die Spielesucht die am weitverbreitetste Art der Computersucht?
Das ist schwer zu sagen. Besonders schwierig scheint für die Betroffenen die angemessene Nutzung von Chatrooms, Online-Spielen, Musikbörsen und Erotikangeboten zu sein, genaue Zahlen dazu liegen mir nicht vor. Es ist vorstellbar, dass der Pathologische Gebrauch des Internets teilweise extrem schambesetzt ist und deshalb es schwierig ist, genaue Zahlen zu finden.
Gibt es ein Genre der Computerspiele welches besonders suchtgefährdend ist?
Genannt werden hierbei häufig die oben erwähnten MMORPGs; dass Computerspiele, die einen unmittelbaren schnellen Erfolg bereitstellen, für den Spieler ein risikofreies Agieren in einer virtuellen Welt und evtl. auch die Annahme virtueller Identitäten bereitstellen, durch ihre Vielseitigkeit an Möglichkeiten, sich zu erproben (Strategie, Reaktion, etc.) einen hohen Anreizcharakter haben, gespielt zu werden und damit leider auch das Potential zum Pathologischen Computergebrauch haben, ist leicht nachvollziehbar. Der Anreizcharakter des Computer kann aber sehr unterschiedlich aussehen.
Haben Sie selbst schon mal ein "Killerspiel" gespielt?
Ja, Doom, aber zu einer Zeit, als Computer noch bessere Schreibmaschinen waren.
Wenn ja, dann: Wie ist ihre persönliche Erfahrung mit den gewalttätigen Computerspielen?
Das Spiel selbst, aber insgesamt Computerspiele, sprach mich nicht an. Da ich damals Doom mit einem Freund in der WG gespielt habe, hat es aber Spass gemacht.
Wie lautet ihre Meinung bezüglich dem Verbot von gewalttätigen Computerspielen?
Ich denke, dass es schon entsprechender Entwicklungsschritte der eigenen Person und den damit einhergehenden Kompetenzen bedarf, damit die Nutzung von Medien positiv gelingen kann. Deshalb würde ich sagen, dass Altersbegrenzungen seitens des Gesetzgebers bezüglich des Medienkonsums Sinn machen. Gleichzeitig sehe ich aber auch die Verantwortung bei den Eltern und Erziehungsberechtigten, einen angemessenen Umgang mit Gewaltdarstellungen und Gewalt in unserer Gesellschaft zu ermöglichen, finden sie doch in unterschiedlichsten Bereichen statt.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Onlinespielen und jugendlichen Amokläufern?
Ich denke, dass ein Amoklauf immer Folge vieler zusammenspielender Faktoren ist. Es ist dabei nicht auszuschließen, dass Modellernen, eine Identifizierung mit Aggressoren eine Rolle spielen. Es bedarf einer Betrachtung des Einzelfalls.
Hilft ein Verbot von gewalttätigen Computerspielen weiter, um die Jugendkriminalität in den Griff zu bekommen?
Ein Verbot halte ich für nicht hilfreich. Hilfreicher wäre eine deutlichere Wertevermittlung. Hierbei geht es sicher um Respekt und Toleranz gegenüber anderen. Eine Optimierung von Kommunikation und Streitkultur sowie die Erarbeitung von Zukunftsperspektiven würden aus meiner Sicht mehr helfen als Verbote.
![]() E-Sports |
Ich denke, dass wissen die Sportler selbst besser. Die Spiele beziehen sich auf die gleichen Aspekte wie z.B. Strategie und Reaktion. Also, warum nicht?
Gibt es Vorteile bei der Teilnahme an einer Spielegemeinschaft (Clan)? Wenn ja, welche?
Vor- und Nachteile: Der Soziale Aspekt kann sowohl Segen als auch Fluch sein, einerseits ist das gemeinsame Spielen selbstwertsteigernd und Spielen stellt allgemein Entwicklungspotential bereit. Andererseits gibt es aber den Druck evtl. durch die Spielergemeinschaft, spielen zu müssen, was bezüglich des Themas Pathologischer Internetgebrauch durchaus problematisch sein kann, da der Betroffene evtl. seine sozialen Kontakte im Clan nicht auf die bisherige Weise pflegen kann, wenn er von seinem pathologischen Verhalten loskommen möchte. Existiert im Extremform ausschließlich die Spielergemeinschaft, und ist diese nur virtuell verfügbar, so halte ich dieses für bedenklich, da ein reales Soziales Netz vielfältige Aufgaben in der Entwicklung eines Menschen übernimmt.
Was können Eltern tun, wenn sie ein computersüchtiges Kind haben?
Sie sollten frühzeitig das Gespräch mit dem Kind suchen. Gemeinsam mit dem Kind geht es auch darum, eine Bestandsaufnahme zu machen, also, z.B. wie viel Zeit es mit dem Computer verbringt und zu gucken, was das Problem ist. Das Gespräch sollte in Ruhe geführt werden. Es ist wenig hilfreich, das Gespräch vor dem Computer zu führen, wenn das Kind gerade damit spielt. Es gilt Abmachungen zu treffen. Es kann durchaus hilfreich sein, den Computer aus dem Kinderzimmer zu verbannen. Insgesamt geht es aber auch darum, Vorbildfunktion zu übernehmen, d.h. das eigene Surfen im Netz zu begrenzen, mehr positive Aktivitäten miteinander zu machen. Gleichzeitig sollte ein offenes Ohr für Probleme da sein, gibt es Probleme, Ängste in anderen Bereichen, z.B. im Umgang mit Freunden und Mitschülern. ltern können sich aber auch an Beratungsstellen sowie unser Beratungstelefon (genaue Angaben auf www.c-d-k.de) wenden.
Stellt die Computersucht ein ähnlich großes Problem wie beispielsweise die Alkohol- oder Drogenabhängigkeit dar?
Für den Einzelnen kann der Pathologische Internetkonsum ähnliche Ausmaße in den negativen Konsequenzen annehmen.
Möchten Sie abschließend noch etwas sagen?
Ich denke, dass die Themen "Pathologische Internet- oder Computergebrauch" sowie die Diskussion über Gewalt in Computerspielen und ihre Auswirkungen zwar miteinander verknüpft sind, aber eine getrennte Betrachtung hilfreich für die Betroffenen ist.
Es geht bei beiden Thematiken stark darum, ob die Betroffenen unter einem bestimmten Verhalten leiden und sich für ihn selbst starke negative Konsequenzen kurz oder langfristig ergeben. Hierfür möchten wir als Therapeuten sensibilisieren.
Das Interview führte Jakob "JJDTE" Mandalka
















