"Früher und später", eine Kolumne von Michel "[BIC]Nemo" M.
Real-Life was ist das? Es ist nicht nur die Welt, die sich vor eurer Haustür befindet, nicht nur der Gang zur Schule oder der Firma, in der man arbeitet, es ist euer ganzes Leben über das man sich manchmal doch Gedanken machen sollte.
Warum schreibe ich das? Nun ja, ich sitze hier gerade auf der Arbeit, schaue aus dem Fenster und sehe das Gras sich im Wind wiegen und die schöne Sonne vom Himmel scheinen. Es ist warm und wieder einmal kommt mir der Gedanke in mein Leben, an den Sinn des Lebens, an dem Leben, dass ich teils entscheiden kann und teils nicht.
Man fragt sich bei einigen Tätigkeiten, ob es jetzt egal sei, ob ich es mache oder nicht, ob das jemanden bis auf mich interessiert. Man sitzt vor seinem PC, spielt ein Online-Game und wird wütend weil man heute schlecht spielt. Seit einer Woche spielt man schon schlecht und obwohl uns das Spiel frustriert und aggressiv macht spielen wir weiter, ohne in Erwägung zu ziehen, das Spiel einfach zu beenden. Es ist vielleicht die Sucht die uns bewegt, oder vielleicht viel mehr sich in einer Rangliste hochzuarbeiten, die im Endeffekt jederzeit gelöscht werden kann, die nur eine Kombination aus Nullen und Einsen darstellt, die keinen Menschen wirklich interessieren. Manchmal fragt man sich - warum das ganze hin und her? Kann man sich nicht einfach mal 5 Minuten mit dem Rücken aufs Bett legen und entspannen? Kann man nicht mal sein IRC-Programm einen Tag ungeöffnet lassen? Ich glaube, man hat Angst, etwas zu verpassen. In der heutigen schnellen Welt kommen jede Sekunde tausende Neuigkeiten, die wir meistens nicht verstehen oder die uns einfach zu schnell und zu kurz erläutert werden. Wisst ihr noch die Top-News von heise.de von der letzten Woche oder die gestrigen News von den Pro7 Nachrichten?
Es vergeht eine Weile, bis man im Leben sieht, was einem selbst wichtig erscheint. Was man hören will und was nicht. Es gibt Spieler, die einfach jedes Spiel einmal durchgespielt haben müssen. Aber wofür? Will ich jemanden etwas beweisen oder stehe ich am Ende eh nur da und freue mich fünf Minuten. Ja, fünf Minuten Eigenlob, für mehrere Stunden eigentlicher Zeitverschwendung, da das Spiel eh langweilig war. Oder interessiert es jemanden genau in diesem Moment, ob man Diablo 2 im schwierigsten Modus (Hölle) durchgespielt hat? Nichts sagend lässt man solch eine Person in diesem Sinne vorerst so stehen, weil man ihr nicht sagen will dass es eigentlich nicht wichtig im Leben sei, alles durchzuspielen, man will die Person nicht verletzen, weil man die Träume desjenigen nicht zerstören will, diese Sucht-Tätigkeiten könnten ihm ja am wichtigsten liegen.
Bei lauter Musik in der Disko stehend, in einer Hand die Flasche, die andere Hand in der Tasche. Eigentlich ein Ort an dem man abschalten und mal den Alltag vergessen sollte. Doch meistens in diesen Momenten kommt einem die Frage der Fragen auf. Die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ist es wirklich Wert sich Gedanken über einen ungeordneten Downloadordner zu machen? Oder sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob man das Spielturnier gewinnen muss oder nicht? Ein Turnier gewonnen oder verloren… - wen kümmert es schon? Klar wächst die Spieler-Community, doch es ist nicht so wie früher. Früher fand man Leute in den eigenen Schulklassen, die den PC des Vaters benutzten oder die wenigstens eine Spielekonsole zu Hause hatten. Man traf sich um zu spielen. Spielte einige Games auf dem PC oder steckte einfach ein Modul in seine Konsole und spielte drauf los, weil man noch nicht wusste, wie man ein Spiel auf dem PC installiert. Ich erinnere mich an Zeiten, wo ich noch mit meinen Freunden zum Toys World, Toys 'R' Us oder Media Markt gegangen bin, um dort ein bisschen zu spielen. Danach ging man ein Eis essen, dass man sich aus zusammengesuchten Münzen kaufte. Man war glücklich, man meckerte nicht über die Grafik der Spiele, über das Gameplay. Es war einfach nur Just-for-Fun und man genoss das Leben.
Heutzutage versuchen sich Spieleprogrammierer gegenseitig immer wieder zu überbieten. Jedes Jahr werden auf der E3 in Los Angeles die neuesten Grafikknüller präsentiert. Man ist begeistert von der gewaltigen dreidimensionalen Grafikpracht, doch bleibt der Spielspaß erhalten? Warum habe ich mich mit dem C64 und Nintendo wohl gefühlt und mich mit der Grafik zufrieden gegeben? Lag es am Gameplay? Noch heute spielen viele C64 auf Emulatoren, um sich an frühere, schönere Zeiten zu erinnern, um noch einmal in dieser heutigen Zeit das Flair von damals zu genießen. Man musste meistens nur zwei Tasten und ein Steuerkreuz bedienen. Irgendwie hatte es eine Magie die einen fesselte.
Die meisten Pro-Gamer Clans haben Mitglieder, die so um die 20 Jahre alt sind, also in meiner Altersgruppe. Ich nenne diese Generation gerne die Nintendo-Kinder, weil Nintendo uns mit ihren Konsolen in irgendeiner Art und Weise prägte. 20, ein Alter in dem man überlegt, warum es diesen ganzen Wahn um die Computerspiele gibt.
Im Bett mit seiner Freundin liegend, und… - da! Da ist wieder dieser Gedanke! Es geht einem gut, man ist glücklich. Doch warum erinnert man sich jetzt wieder an unwichtige Dinge im Leben? Ist es etwas was uns bedrückt? Dieser ungeordnete Download-Ordner, dieses Match das ich verloren habe. Es interessiert doch keinen. Gib deiner Freundin einen Kuss und sag ihr, dass du sie liebst, das ist wichtig! Nicht irgendwelche digitalen Werte, gespeichert auf irgendeinem PC in dieser großen weiten Welt. Ich als Nintendo-Kind bin auch teils mit dem C64 aufgewachsen. Oh man, der gute, alte C64. Bei mir werden da richtige Erinnerungen wach. Es war so 1990 oder 1991 als sich mein Cousin den so genannten "Brotkasten" holte. Als man noch LOAD "D*",8,1 eingeben musste um das Spiel auf dem C64 zu starten. Wir spielten Tag und Nacht an dem Gerät, obwohl die Grafik einem heute lächerlich vorkommt. Commando, Giana Sisters, California Games, Maniac Mansion oder G.I.-Joe prägten unser Leben. Damals war es aber akzeptabel und wir dachten nie darüber nach, wie wohl die dritte Dimension in digitaler Form aussehen würde. Wir gingen noch fleißig in die Schule, machten unsere Hausaufgaben und dachten nicht über Dinge wie Arbeitslosigkeit, Krieg oder Geldnot nach.
Wir hatten auch kein Handy mit dem wir überall erreichbar sein mussten. Heutzutage haben Kinder in der Grundschule schon ein Handy. Irgendwie protzig. Heutzutage sehen wir auf LAN-Parties Jugendliche, die ihre Spieltaktik mit Kreidetafeln besprechen. Irgendwie protzig. Warum diesen ganzen Wahn darum? Die Gamer-Community hat sich geändert. Die Zeiten stehen im Wandel. Schon interessant was Spieler mit ihren Reflexen so erreichen können. Es gibt Clans, die ein eigenes Management haben, die von großen Firmen gesponsert werden. Ein bekannter Multigaming-Clan schließt einen Squad und so was allein bewegt schon die Community.
Früher war alles irgendwie anders. Menschen kamen auf die Idee, sich zu einer Gruppe zusammenzuschließen, ihrem Freundeskreis einem Namen zu geben um sich einfach nur aus Spaß jedes Wochenende zu treffen und zu spielen. Damals hatte vielleicht einer ein Modem, mit dem man seine selbstgebauten Homepages auf einem kostenfreien Webspaceanbieter schob. Sie sah nicht toll aus, bot nur kleine Infos über den Clan, doch man war irgendwie schon stolz darauf. Heutzutage lösen sich solche Clans oft nach einigen Wochen auf, weil sie sich ja nicht in der Szene "etabliert" haben. Wenn kümmert es? Hauptsache Spaß am Spiel! Das ist was zählt. Ich bin auch in einem Clan - dem Born In Chaos Clan, der auch nur aus reinem Zeitvertreib spielt, ohne jeglichen Druck eines Turnierplans oder dem Gedanken an einen Sinn des Clans. Dieser Clan hat eine Geschichte, es ist der Name eines Freundeskreises und dieser Freundeskreis wird auch in Zukunft versuchen sich selbst und den Spaß am Spiel zu erhalten.
Damals konnte man sich nicht vorstellen, auch nur ein Wochenende anderweitig als mit einer LAN zu verbringen. Doch dann wurde es halt doch immer weniger. Freundin, andere Interessen und am härtesten die Berufswelt spalten Clans meistens. Zuerst war man wütend, dass Jemand aus der Gruppe eine Freundin hatte. Man verfluchte sie, weil sie uns unseren Freund nahm. Eigentlich auch ein Thema über das man wieder nachdachte. Hey, er war glücklich und wir trafen uns trotzdem. Zwar nicht so oft aber immerhin. Und eigentlich schaute man erst dann in den Spiegel und sah dass das so genannte "Real-Life" einen einholte. Man wehrte sich vehement dagegen, verhielt sich wie ein kleiner Peter Pan, der ewig jung und kindlich sein wollte, der an seiner Tradition festhielt und sich selbst versprach immer wieder seine Zeit mit dem Computer zu verbringen.
Ein guter Spieler zu sein aber nebenbei kein richtiges Leben haben macht auch nicht glücklich. Und das Selbstmitleid das man sich damit verschafft hilft auch keinem weiter. Es zerfrisst euch innerlich. Eigentlich gab derjenige mit seiner Freundin den anderen den Anstoß, selbst eine Freundin zu suchen und eine kleine Arbeitsstelle zu finden, um sich selbst was leisten zu können, sich selbst etwas zu kaufen oder um einfach mal die Zeit zu nutzen, um sein Leben in den Griff zu bekommen und auch mal andere Dinge zu tun als PC-Aktivitäten.
Heutige Kinder die sofort mit Breitbandinternet aufwachsen sehen nur die harte Community, die Ligen, die harten Kämpfe um Ruhm und Ehre. Aber ich glaube am Ende ist der Ruhm nur sehr kurz. Bewegt es heute noch jemanden wer vorletztes Jahr bester Spieler war? Wer den ersten oder zweiten Platz belegte? Man muss sich manchmal fragen, was einem selbst wichtig erscheint und nicht, ob es jemand anderen interessiert. Ihr müsst nicht jedes Spiel durchspielen. Im Endeffekt sitzt ihr da und fragt euch wieder selbst wozu ihr Stunden verschwendet habt, für ein Spiel dass euch noch nicht einmal gefallen hat. Will man sich selbst etwas beweisen? Ist man danach wütend weil es keinen anderen interessiert außer einem selbst?
Selbst in Teamspielen, wo es auf das Vertrauen der eigenen Mitspieler ankommt, findet oft ein kleines Machtduell statt. Ist es wichtig derjenige zu sein, der die meisten Punkte gemacht hat? Das Spiel ist gewonnen, das eigene Team hat gesiegt. Eigentlich kein Grund mehr darüber nachzudenken, das Spiel ist halt gewonnen. Doch intern konkurriert man zwischen den eigenen Teammitgliedern. Im Gamer-Jargon gibt es ein Wort was viele begeistert: "Wayne". Den Nachnamen eines berühmten Western-Schauspielers, den man durch die heutige verzwickte Jugendsprache Denglisch (Deutsch und Englisch) missbrauchte. Nach dem Motto "Wayne interessiert es" beschimpft man sich gegenseitig in Foren, Chats und Spielen. Eigentlich macht es jemanden schon Angst, wenn man so spricht wie man schreibt. Schlagen mit Wörtern wie LOL, ROFL und Lamer im Real-Life um sich und man fragt sich wieder: "Warum?" Nun ja, einigen Menschen fällt es schwer einfach mal alles innerhalb von Sekunden liegen zulassen um sich selbst zu fragen, was sie denn gerade in diesem Augenblick machen. Ich kann das Spiel auch schließen, dass mich immer so aggressiv macht oder ich kann weiterspielen.
Mutter kommt ins Zimmer und fragt ob man etwas essen wolle. Doch sie wird wütend zurückgewiesen weil sie gestört hat, weil sie das Licht angemacht hat und du deswegen das Spiel verloren hast. Das Licht, das wir allzu oft vermeiden. Sie verlässt traurig den Raum, sie wollte dir nur was Gutes tun, dir was zu essen machen. Doch war sie wirklich Schuld daran dass du verlierst? Sie kann nichts dafür, es war die aggressive Haltung, die geistige Verspannung, der kranke Wille zu Gewinnen. Im Endeffekt ist es egal ob das Match gewonnen ist oder nicht! Ob dein Downloadordner geordnet ist oder nicht, denn das richtige Leben da draußen hat weit aus bedeutendere Rollen. Nicht nur Kriege und politische Sachen sondern auch alltägliche Dinge in deinem Leben.
Verschanzen wir uns deshalb im Zimmer? Warum machen wir das Licht aus oder verdecken die Fenster? Das machen wir doch nur wenn wir schlafen. Vielleicht ist alles besser wenn wir schlafen. Wir bekommen nichts von anderen mit, in Träumen leben wir unsere Wunschwelt, im Schlaf sehe ich keine Morde im Fernsehen und keine Kriege in anderen Ländern toben. Unsere Zimmer bzw. Wohnungen oder Häuser sind unsere selbst gewählten Isolationen. Doch diesen Dingen wie Problemen im Alltag widmen wir uns nicht. Versuchen zu vergessen, zu verdrängen. Manchmal wünscht man sich in Problemzeiten einen Interrupt-Button, der auf Knopfdruck die Zeit anhält und uns genug Zeit für einen Selbst verschafft.
Das weltweite Internet bietet uns eine Quelle zahlreicher Informationen. Es öffnet sich ein PopUp indem es darum geht eine Spenderniere zu suchen oder es erscheint ein Werbebanner mit dem Thema Krieg. Klicken wir es nicht meistens weg? Wollen wir das nicht sehen? Wollen wir auch unsere eigenen Probleme verdrängen? Je paralleler die Lebensläufe, desto ausgeprägter die Angst, das Wesentliche zu verpassen, das Leben... Die ganzen virtuellen Dinge darf man nicht so ernst nehmen. Es ist auch schön mal einfach 5 Minuten lang auf dem Rücken zu liegen um auf die Decke zu starren. Ja, diese "kurzen" 5 Minuten können eine Ewigkeit dauern, wenn man bedenkt dass 5 Stunden mit seinem Lieblingsspiel viel zu schnell vergehen.
Tja warum schreibt das der Typ hier? Ist es genau sein eigenes Leben? Zum einen sind es Selbsterfahrungen und zum Teil Leute, die ich beobachtete, die diese Kolumne entstehen ließen und mein Leben prägten. Ich will mit diesem Text euch zeigen, dass man sich früher oder später dem Computer entfernt und dass ihr keine Angst haben müsst, dass ihr dadurch was im Leben verpasst. Denn durch das Real-Life entdeckt ihr Dinge, die euch amüsieren und "leben" lassen. Nehmt also den PC-Kram nicht allzu ernst und spielt wirklich aus reinster Freude. Es ist es nicht Wert sich darüber den Kopf zu zerbrechen! Freut euch auf die wirklich schönen Dinge im Leben!
In diesem Sinne:
Das Leben ist im Grunde genommen leicht zu leben, nur wir machen es uns meistens schwer.
Dr. Ebo Rau
(* 1945), deutscher Mediziner













